Antifeminismus: antimoderne Brückenideologie und politische Restauration Ergebnisse der Leipziger Autoritarismusstudie 2022

Veranstaltungsdokumentation

Seit 2002 analysieren Wissenschaftler*innen der Universität Leipzig die Entwicklung autoritärer und rechtsextremer Einstellungen in Deutschland. Sie gehen Fragen nach wie: Haben sich rechtsextreme und autoritäre Einstellungen in Deutschland verändert? Nimmt die Ausländerfeindlichkeit weiter ab? Und wie stehen die Deutschen zur Demokratie? Seit 2020 wird auch untersucht, welche Rolle antifeministische und sexistische Einstellungen, Ressentiments und Haltungen dabei spielen und wie Antifeminismus als antimoderne Brückenideologie fungiert.

 

Antifeminismus: antimoderne Brückenideologie und politische Restauration - Heinrich-Böll-Stiftung

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Einstellungen sind weit in der gesamten Gesellschaft verbreitet, wie die Untersuchung im Jahr 2020 deutlich zeigte und was sich mit der aktuellen Studie nochmals bestätigt. Nicht selten gehen diese Einstellungen einher mit anderen Ressentiments wie etwa Homo- und Transfeindlichkeit und zeigen sich eng verwoben mit einem traditionellen Männlichkeitsbild und einer dogmatisch-fundamentalistischen Religiosität. Die aktuelle Studie weist deutlich darauf hin, dass Antifeminismus nicht harmlos ist. Denn damit einher gehen Einschüchterungsversuche gegen Schwangerschaftsabbrüche, Proteste gegen Angebote zur sexuellen Bildung an Schulen oder konkrete Anfeindungen von Feminist*innen und Frauen auf der Straße bis hin zu rechtem Terror. Antifeministische Haltungen dienen so - und das ist ein wichtiger Unterschied zu traditionellem Sexismus - als politische Grenzziehung und zur antimodernen Mobilisierung gegen egalitäre Geschlechterverhältnisse.

Auf der Veranstaltung am 23. November 2022 präsentierten Fiona Kalkstein und Gert Pickel die Ergebnisse der diesjährigen Leipziger Autoritarismusstudie. Die klare Botschaft ist: antifeministische Einstellungen haben deutlich weiter zugenommen.

Kapitel 8 "Antifeminismus und Geschlechterdemokratie" (Fiona Kalkstein, Gert Pickel, Johanna Niendorf, Charlotte Höcker, Oliver Decker) der Leipziger Autoritarismus Studie 2022.

Download des Kapitel 8.

Jeder dritte Mann und jede fünfte Frau hat in Deutschland ein geschlossen antifeministisches oder sexistisches Weltbild. Im Mittel stimmen ein Viertel aller Befragten antifeministischen Aussagen zu. 27 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass sich Frauen, „die mit ihren Forderungen zu weit gehen, sich nicht wundern müssen, wenn sie wieder in ihre Schranken gewiesen werden.“. Vor allem die Aussage „Schilderungen zu sexualisierter Gewalt seien häufig übertrieben“ findet hohe Zustimmung. Eine gestiegene Zustimmung erfährt auch die antifeministische Erzählung, das „durch Feminismus die gesellschaftliche Harmonie und Ordnung gestört“ wird. Damit ist dieses Narrativ gleichzeitig anschlussfähig an autoritäre Dynamiken, die ebenfalls gestiegen sind.

Auch sexistische Einstellungen sind wieder auf dem Vormarsch. Während sie zwischen 2006 und 2020 rückläufig waren, finden sich nun wieder stärkere Zustimmung zu sexistischen Aussagen. Jede*r fünfte Befragte*r meint, dass sich „Frauen wieder mehr auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter besinnen sollten“ und die Aussage, dass „Frauen sich in der Politik häufig lächerlich machen“ ist um acht Prozent auf 23 Prozent gestiegen. Vor allem die Befürwortung klassischer Familienkonstellationen, in welcher die Frau auf ihre Rolle als Mutter und Ehefrau reduziert wird, hat wieder zugenommen.
Hohe Zustimmungswerte lassen sich zum erstmalig abgefragten „gewaltbezogenen Männlichkeitsideal“ finden sowie eine Veränderung in Gewaltbereitschaft sowie –Akzeptanz. Mehr als die Hälfte der Befragten sind der Auffassung, dass der „Mann immer noch die Verantwortung als Ernährer seiner Familie“ tragen sollte (Ost: 63,7 Prozent/ West: 47,0 Prozent). Mehr als 33 Prozent finden, dass „Männer einen rationaleren Blick auf Dinge haben als Frauen“, 21 Prozent stimmen zu „ein Mann sollte bereit sein, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren“ und fast 35 Prozent befürworten Gewalt, um „Frau und Kinder zu verteidigen“.

Einen guten Überblick über weitere Ergebnisse der Studie finden Sie auch im Artikel von Judith Rahner .


Dieser Artikel erschien zuerst hier: www.gwi-boell.de